LT2, Teil 13

Quadrat 13. Text

Orte: Šyšgiriai– Kintai – Ventės ragas

a) Wenn Sie per Boot ins Dorf Minija fahren, dann lesen bei “Minija (Minge)” weiter.

b) Wenn Sie den gleichen Weg nach Šilutė zurückfahren, dann geht’s weiter am Haff nach Kintai (Kinten). Unterwegs wartet das Uferpanorama des Kurischen Haffs auf Sie. Biegen Sie auf der Hauptstraße in Šilutė links Richtung Klaipėda ab und kurz nach dem Marktplatz sehen Sie eine Abbiegung. An einigen Abbiegungen rechts halten Richtung Šyšgiriai. Nach Šilutė erstreckt sich ein guter, angenehm zu fahrender Schotterweg entlang des Sumpfes Aukštumala (13 km). Links sieht man teilweise den Krokų Lankos-See. Ab der Brücke über den Fluss Minija ist der Weg asphaltiert, beiderseits von ihm blitzen Fischzuchtteiche in der Sonne. Wer in das Dorf Minija möchte, der muss nach Brücke und Teichen dem Schild nach links aus einen Schotterweg abbiegen. Im Dorf gibt es eine “Urlaub auf dem Lande”-Übernachtung. Zurück auf dem Hauptweg fahren Sie an der T-förmigen Kreuzung links und besuchen Ventės ragas (Die Windenburger Ecke, s. Beschreibung unten). Unterwegs beim Ort Šturmai befindet sich ein Hotel und Restaurant. In der Ferne auf der anderen Seite des Haffs, reckt sich die Kurische Nehrung empor. Verpassen Sie Ventės Ragas nicht: Der Weg ist gut und der Ort eindrucksvoll gelegen. Aus Ventė geht es auf der Hauptstraße immer geradeaus bis Kintai.

Minija (Mingė)

Das Fischerdorf (Minijos žvejų kaimas (25) liegt an beiden Ufern des gleichnamigen Flusses. Bis heute wird es von den Einheimischen mit kurischen (nicht litauischen) Namen Minge oder Mine genannt. Zum ersten Mal wird es 1540 schriftlich erwähnt: Es lebten hier 60 einfache Menschen und mindestens zwei deutsche „privilegierte“ Familien. Fast alle Höfe lebten vom Fischfang: Neben den Häusern standen und stehen Boote, Fischereiutensilien und die typischen Fisch­räucher­häuschen. So entstand hier ein ziemlich einzigartige Ortstruktur: Die Fassaden der Höfe sind zur „Hauptstraße“ des Dorfes ausgerichtet – aber das ist hier der Fluss Minija. Wegen der häufigen Überschwemmungen war das Leben immer schwer. Im 18. Jahrhundert litt auch dieser Ort unter Kriegen und Krankheiten, erst im 19. Jahrhundert erholte es sich. Es gab hier eine Segelnäherei, eine Segelbootswerkstatt, eine Wassermessstation. Es begann auch lansam der Tourismus, denn die Flussdampfschiffe, die regelmäßig Memel und König-Wilhelm-Kanal entlang zwischen Tilsit (heute: Sowjetsk) und Memel (heute: Klaipėda) verkehrten, machten hier einen Zwischenstopp. Das ganze Dorfleben änderte sich essentiell nach dem Zweiten Weltkrieg. Am linken Ufer wurden mächtiger Tierfuttermehlapparat eingerichtet, am rechten eine Viehfabrik gegründet. Gebaut wurde auch eine Brücke, die ins Nirgendwo führt. Dafür wurden viele der einzigartigen Fischerhöfe abgerissen. Die romantische Ansicht lässt ein wenig das harte Leben der Fischer vergessen. Heute versucht man sich in Minija am Wassertourismus, viele Häuser sind jedoch verfallen. Trotz des architektonischen Verfalls kann man hier seltene Vögel und verschiedene Wasserpflanzen finden, die ins Litauische “Rote Buch” (der gefährdeten Arten) eingetragen sind, so Seeadler und Kranich.

Nachdem Sie sich an diesem sogenannten “Litauischen Venedig” erfreut haben, fahren Sie weiter über Bložiai und Stankiškiai bis zum Asphalt. Dann nach links und nach 6 km kommen Sie zu einer der einzigartigsten Ecken in ganz Litauen: Ventės Ragas, der Windenburger Ecke auf Deutsch. Wenn Sie jetzt sehr ermattet sind, dann können Sie in Šturmai das Hotel oder Restaurant besuchen. Das empfiehlt sich nicht nur für einen Snack: hier kann man auch ein Boot mieten, um über das Haff zu fahren.

Ventė (Windenburg)

In der Gegend des heutigen Dorfes Ventė lebten Menschen schon in prähistorischen Zeiten. Die Kreuzritter, welche die große strategische Bedeutung der Memelmündung verstanden, errichteten an dieser Stelle um 1360 zum Schutz von Hafen und Wasserweg die “Windenburg”. Wahrscheinlich gab es auch eine Kirche und das erste Gasthaus. Aber die Burg versank durch Wind und Gezeiten im Haff. Das gleiche geschah mehrmals mit der Kirche. Und so rückte das ganze Dorf immer weiter vom Haff weg bis zu seinem heutigen Ort.

Nach rund 0,5 km kommt man zum “Rand der Erde” in Litauen. Von altersher wurde über Ventė geschrieben, dass es der gefährlichste Ort und „wirklich der Albtraum aller Schiffer“ sei, denn entlang des Kaps erstrecken sich steinerne Untiefen. Deswegen steht hier auch seit langem ein Leuchtturm (Ventės švyturys (26). Der erste war noch aus Holz und wurde mit Lampenöl erleuchtet. 1863 wurde das heutige 12 m hohe technische Denkmal gebaut. Von der Aussichtsplattform im Turm sieht man nicht nur den Wellenbrecher auf dem Haff, der Ventės Ragas schützt, sondern auch das Band der Kurischen Nehrung und Nida. Neben dem Leuchtturm wurde 1880 eine Wassermessstation errichtet. 1929 wurde auf Initiative von Prof. Tadas Ivanauskas (in seinem Namen gibt es das Zoologische Museum in Kaunas) eine Vogelstation (ornitologinė stotis (27) gegründet. Seit über 30 Jahren wird sich von L. Jezerskas geleitet, der Reisenden manchmal (auch auf Deutsch) über den Vogelzug erzählt. In der Station gibt es ein Museum, Labors, Netze zum Vogelfang. Hier werden sie beringt und ihr Vogelflug erforscht. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst ziehen über 5 Mio. Vögel über Ventė hinweg. Das ganze Memeldelta ist einer ihrer bevorzugten Rastplätze.

Von der “Windenburger Ecke” geht es auf dem gleichen Weg zurück und weiter Richtung Kintai.

Muižė

2 km nach dem schon bekannten Stankiškius kommt man nach Muižė. Dabei handelt es sich uim einen der ältesten Gutsorte an der Küste. Nachdem 1820 das Gut von E. W. Berbom gekauft wurde, veränderte sich der Ort so sehr, dass er den Beinamen “Klein-Italien” bekam. Heute ist von diesem Gutshof nichts übrig, an seiner Stelle steht eine Fischkonservenfabrik. E. W. Berbom war Bürgermeister von Memel (Klaipėda), später wurde er als königlicher Fischereiobermeister für das Kurische Haff eingesetzt. Ihm fielen Zeichen ein, die die Fischerdörfer unterscheiden – die “vėtrunges” (Die verzierten Windrosen auf den Schiffsmästen). Des weiteren beschäftigte er sich mit der Sammlung von Volksgeschichten, schrieb Gedichte, malte, betrieb archäologische Forschungen und betrachtete vom Dach seines Hauses die Sterne. Der kleine Friedhof mit seinem Grab (E.W.Berbomo kapas (28), befindet sich rechts des Weges. Am Weg steht ein Informations­stand über ihn, das Grab selbst finden Sie unter einer großen Eiche, umsäumt von einem kleinen Eisenzaun.

Weiter auf dem gleichen Weg fahren Sie durch das Dorf Dovilai, in dem der Publizist und Kulturschaffende M. Ašmys geboren ist. Er war mitbeteiligt an der Litauischen Unabhängigkeitserklärung von 1918. Bald kommen schon die Hütten von Kintai in Sichtweite.

Kintai (Kinten)

Eine Fischersiedlung, die sich an das Kurische Haff und den Wald von Kintai schmiegt. Schon 1540 wird verzeichnet, dass hier ein B. Kintas seinen Hof gehabt habe. Und 1951 fanden Ausgrabungen auf dem Burgwall im Norden des Ortes statt. Im 18./19 Jh. gedieh der Ort zum Fischerdorf, das für seine Fischmärkte berühmt war. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Großteil des Ortes zerstört, aber man kann die typische Architektur noch bemerken. Im Sommer findet im Anklang an alte Zeiten ein Fest statt, obwohl die wertvollen Fische von einst – Lachs, Aal und Stör – rar geworden sind. Die im Jahre 1705 erbaute evangelische Kirche (29) ist erhalten geblieben. Sie wurde teilweise aus Mauerresten der alten Windenburg (s. Ventė) gebaut. Bei ihrem Neubau gab es damals – vor zweihundert Jahren (!) einen Streit. Das alte Gotteshaus war nämlich durch eine Überschwemmung stark beschädigt worden. Und so stritt man sich um den passenden Ort für die neue Kirche. Der Legende zufolge wurden aus den anliegenden Gemeindedörfern Ventė und Kiošiai gleichzeitig zwei Reiter losgeschickt. Und so wurde es abgemacht: Dort, wo sie sich treffen, da wird die Kirche gebaut. Sie reichten sich in Kintai die Hände. Zur Sowjetzeit wurde die Kirche renoviert, in ihr wurde ein Ausstellungs- und Konzertsaal eingerichtet. Die alten Einwohner erinnern sich noch daran, dass früher neben der Kirche ein Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs stand, doch es wurde abgerissen und für Fundamente beim Gebäudebau benutzt. 1988 wurde neben der Kirche ein Gedenkstein mit der Aufschrift: „Von 1888–1892 lebte und arbeitete in Kintai Vydūnas“ eingeweiht. Ja, was Vydūnas angeht, so steht bei der Bushaltestelle rechts des Weges die ehemalige Gemeindeschule, mit der Kirche 1705 errichtet. Nachdem, Vydūnas 1888 das Lehrerseminar von Ragainė (Ragnit, heute im Kaliningrader Gebiet) abgeschlossen hatte, wurde er zum Lehrer der Grundschule von Kintai bestimmt. Später erkrankte er schwer, aber eine Frau des Ortes konnte ihn mit Heilkräutern heilen. Dann begann Vydūnas seinen Weg als litauischer Kulturschaffender. In der renovierten Schule wurde 1994 das Vydūnas-Kulturzentrum (Vydūno kultūros centras (30) (Tel. 8-441-47379) eröffnet. In ihm befindet sich auch ein Gedenkmuseum, in dem man sein Wissen über die Vergangenheit von Klein Litauen, Preußisch Litauen, des Memellandes usw. vertiefen kann. Außerdem gibt es ein besonderes Exponat: die von S. Sodonis und anderen Heimatforschern in Tallinn aufgespürte Harfe von Vydūnas. In diesem Zentrum befindet sich darüber hinaus die Kinderkunst- und musikschule. Es gibt diverse Kunstausstellungen.

Nehmen wir uns ein bisschen Ruhe und fahren die J. Čiulados gatvė weiter bis wir zur Post auf der rechten Seite kommen. Nach links führen Schilder in Richtung “Kintų girininkija” (Forstamt Kinten). Hinter dem Forstgebäude steht ein Naturdenkmal: der Große Lebensbaum (Didžioji tuja (31). In Europa gibt es nur einen größeren, und zwar in der Schweiz. Der 17 m hohe Riese lädt zur Rast in seinem Schatten ein. Bald wird er 100 Jahre. Der Weg über das Forsthaus führt weiter zum Ufer. Dort kann man sich an der Aussicht, an den kleinen Fischerbuchten und am Baden erfreuen. Die örtliche Gemeinschaft kämpft aktiv gegen die Ölförderung an dieser Stelle. Zurück geht’s nur auf dem gleichen Weg und dann heißt es von Kintai Abschied nehmen. Von Kintai entstreckt sich entlang der Küste der “Kurische Weg” als touristische Route. Sie können sich an den neu eingerichteten Rastplätzen erholen und an Info-Ständen mehr über dieses Gebiet erfahren.